Rod Janssen arbeitet als selbstständiger Energieberater in Paris. Er ist zudem Vorsitzender von Energy Efficiency in Industrial Processes (EEIP), einer Non-Profit-Organisation und politischen Plattform für Energieeffizienz in der Industrie.

Rod Janssen arbeitet als selbstständiger Energieberater in Paris. Er ist zudem Vorsitzender von Energy Efficiency in Industrial Processes (EEIP), einer Non-Profit-Organisation und politischen Plattform für Energieeffizienz in der Industrie.

Wir haben dazugelernt

Der Klimawandel scheint unausweichlich. Trotz vieler Rückschläge bleibt eine Steigerung der Energieeffizienz die beste Maßnahme, um die Auswirkungen der globalen Erwärmung zu begrenzen.

TEXTROD JANSSEN

ILLUSTRATIONHENRIK ABRAHAMS

Vor einem Jahr veröffentlichten Professor Ernst Ulrich von Weizsäcker und Anders Wijkman ihren Bericht für den Club of Rome. Der Titel „Wir sind dran“ sagt, worum es geht – jeder muss seinen Beitrag leisten. Die Autoren argumentieren, dass der Mensch immer schneller einen immer größeren Fußabdruck auf der Erde hinterlässt. Werde dieser Trend nicht umgekehrt, führe das zu einem Zusammenbruch der Weltwirtschaft.

Naturgemäß besteht ein Konflikt zwischen Gewinnmaximierung und der Rettung der Welt. Es muss ein besseres Gleichgewicht geschaffen werden zwischen Mensch und Natur, Markt und Gesetz, privatem Konsum und öffentlichen Gütern, kurzfristigem und langfristigem Denken sowie sozialer Gerechtigkeit und Anreizen für herausragende Leistungen. Wir alle müssen überdenken, wie wir mit unserem Planeten umgehen. Noch tun wir nicht genug. Zu dieser Schlussfolgerung kommt auch der Weltklimarat: Wenn die globale Erwärmung 1,5 Grad Celsius übersteigt, so heißt es in einem Sonderbericht, wird dies verheerende Auswirkungen haben.

Was also muss getan werden? Zahlreiche optimistische Fall­studien und politische Vorschläge könnten uns auf den Weg zur Nachhaltigkeit bringen. So würde uns ein Schritt in Richtung Kreislaufwirtschaft dabei helfen, das Problem der Ressourcenverknappung zu lösen, die CO₂-Emissionen deutlich zu senken und mehr Arbeitsplätze zu schaffen. Eine regenerative Landwirtschaft kann die Bodenerosion stoppen, den Ertrag erhöhen und CO₂ im Boden binden. Durch die Nutzung von Abwärme zur Stromerzeugung werden weniger Kraftwerke benötigt.

Es gibt jede Menge Programme, die uns wieder in die Spur Richtung Nachhaltigkeit bringen könnten. Europa hat politische Rahmenbedingungen aufgestellt, die auf die Erreichung langfristiger Ziele ausgelegt sind, und arbeitet an deren Weiterentwicklung. So fordert die EU alle Verbraucher und die Industrie auf, wirksame Maßnahmen zu ergreifen – und zwar sofort.

Der 2014 festgelegte Rahmen für die Klima- und Energiepolitik bis 2030 setzt verbindliche Hauptziele, darunter die weitere Senkung der Treibhausgasemissionen, die Erhöhung des Anteils erneuerbarer Energien und eine deutliche Steigerung der Energieeffizienz. 2018 wurden die Ziele in Bezug auf die Energieeffizienz und den Einsatz erneuerbarer Energien gestärkt. Im Juni haben sich die Kommission, das Parlament und der Rat unter anderem darauf geeinigt, die Effizienz bis 2030 um 32,5 Prozent zu erhöhen. Eine Klausel erlaubt es, dieses Ziel vor 2023 nach oben zu korrigieren. Die Energieminister verständigten sich zudem darauf, dass der Anteil der ­erneuerbaren Energien 2030 bei mindestens 32 Prozent liegen soll.
Darüber hinaus existiert eine langfristigere Vision für eine Dekarbonisierung: Der EU-Fahrplan für eine kohlenstoffarme Wirtschaft sieht vor, dass die Mitgliedstaaten ihre Treibhausgasemissionen bis 2050 gegenüber 1990 um 80 Prozent reduzieren. Um das zu erreichen, muss jede Branche ihren Beitrag leisten.

Auf der Pariser Klimakonferenz von 2015 haben sich die Regierungen zur Einhaltung eines langfristigen Ziels verpflichtet: die Begrenzung der Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Niveau. Angestrebt wird eine Begrenzung des Anstiegs auf 1,5 Grad Celsius, wodurch sich die Auswirkungen des Klimawandels stark verringern würden. Die Politiker waren sich einig, dass die globalen Emissionen so bald wie möglich ihren Höchststand erreichen sollten. Sie waren sich bewusst, dass dies für Entwicklungsländer länger dauern würde, und versprachen, mit den besten verfügbaren Technologien für eine schnelle Senkung zu sorgen.

Es geht hier um gesamtgesellschaftliche Ziele, die uns alle betreffen, von Einzelpersonen über Unternehmen bis hin zu Nationen. Jeder muss nun handeln. Doch wo soll man anfangen? Es ist nie einfach, diese Frage zu beantworten. Zum Glück hat die EU vor Kurzem für große Industrieunternehmen ein verpflichtendes Energieaudit eingeführt, das regelmäßig wiederholt werden muss. Das ist ein guter Anfang. Der einzige Weg, das Audit zu umgehen, ist die Zertifizierung nach ISO 50001, eine Norm mit konkreten Vorgaben für den Aufbau eines Energiemanagementsystems. In erster Linie soll diese Norm einen Kulturwandel bewirken. Sie ist so gestaltet, dass sich sämtliche Unternehmensbereiche, auch die oberste Führungsebene, für das Energiemanagement einsetzen müssen. Unter anderem sollen die Emissionen durch die Nutzung moderner Produktionsverfahren gesenkt, der Anteil von Recyclingmaterialien im Herstellungsprozess erhöht und Energie aus Abwärme erzeugt werden.

Allerdings gab es zuletzt Rückschläge aufseiten der Politik. An der Spitze der USA und Brasiliens stehen Präsidenten, die den Klima­wandel leugnen. Der französische Staatschef Emmanuel Macron setzte nach den Protesten der Gelbwesten die geplante Steuererhöhung auf Benzin und Diesel aus. Die Ergebnisse der UN-Klimakonferenz in Kattowitz lassen Entschlusskraft vermissen und haben gezeigt, wie schwer es ist, die Interessen von Industriestaaten und Entwicklungsländern miteinander zu vereinbaren.

Doch es gibt Grund zur Hoffnung. Die Ölkrisen der Siebzigerjahre haben die Weltwirtschaft erschüttert, woraufhin wir Energieeffi­zienz zum politischen Ziel erhoben haben. In der neuesten Ausgabe ihres „World Energy Outlook“ berichtet die Internationale Energie­agentur (IEA), dass der Energieverbrauch der Industrie seit 2000 weltweit um durchschnittlich 2,5 Prozent pro Jahr gestiegen ist. In ihrem „New Policies Scenario“ prognostiziert die IEA jedoch, dieser Anstieg werde sich „infolge einer höheren Energieeffizienz und deutlich niedrigerer Wachstumsraten bei der Produktionsleistung energieintensiver Industrien“ auf 1,3 Prozent pro Jahr verlangsamen.
Warum ist das so? Wir haben seit den Siebzigerjahren dazu­gelernt. Wir sind viel besser gerüstet, um wirksame Maßnahmen zu ergreifen – vorausgesetzt, wir wollen etwas verändern und engagieren uns dafür. Leider stoßen Unternehmen bei der Umsetzung von Energiesparmaßnahmen immer noch auf Hindernisse wie ­Finanzierungsprobleme oder mangelndes Vertrauen in Produkte oder Technologien. Manche Firmen betrachten Energieeffizienz nach wie vor nicht als strategisches Ziel. Wir wissen, dass viele Unternehmen Energiesparpotenziale nicht ausschöpfen. Wie aus Umfragen hervorgeht, finden sich in praktisch jeder Produktionshalle zahlreiche Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung, die kostengünstig oder sogar ganz ohne Mehrkosten umgesetzt werden könnten.

Glücklicherweise stehen uns immer mehr Technologien zur Verfügung, deren Preise stetig sinken. Viele Innovationen leisten einen wertvollen Beitrag, und auch die wachsende Zahl von Serviceunternehmen macht die Einführung von Energiesparmaßnahmen einfacher. So lassen sich beispielsweise Audits heute deutlich einfacher durchführen als früher.

„Manche Firmen betrachten Energieeffizienz nicht als strategisches Ziel.“

Die Finanzbranche arbeitet an Angeboten, die Unternehmen bei der Finanzierung von Energiesparmaßnahmen unterstützen. Die Branche bemüht sich unter anderem, Energieeffizienzprojekte als weniger risikoreich einzustufen, um bei Investoren Vertrauen zu wecken. Die Angebote richten sich sowohl an energieintensive wie auch an weniger energieintensive Branchen. Es sind zudem Be­strebungen im Gang, das Know-how der Finanzinstitute bei der Analyse von Energieeffizienzprojekten zu verbessern, sodass die Kredit­risiken abgesichert werden und die Projekte die nötigen ­Finanzierungen bekommen. Auf regulatorischer Ebene werden Energieeffizienzmaßnahmen nun besser unterstützt. Dieser Trend wird sich in Zukunft noch verstärken.

Wir haben allen Grund zur Annahme, dass wir wieder in die Spur kommen können. Die Energy Transitions Commission, ein Gremium, dem unter anderem Vertreter der Wirtschaft sowie führende Persönlichkeiten des öffentlichen und sozialen Sektors angehören, kam kürzlich zu der Schlussfolgerung, dass energieinten­sive Industrien mit der Zeit ihr Geschäft komplett dekarbonisieren könnten. Bisher hat es niemand für möglich gehalten, dass das technisch machbar sein könnte.

Zum Glück behalten die meisten Unternehmen ihren Optimismus – und lassen in ihren Bemühungen nicht nach. Niemand will auf Geschäft verzichten oder seine Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Eine höhere Energieeffizienz löst nicht alle Probleme, aber sie geht viele von ihnen an. Somit haben von Weizsäcker und Wijkman völlig recht, an uns zu appellieren: Wir sind dran! 

ERSCHEINUNGSTERMIN

05. März 2019

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