DIGITALE SCHRITTMACHER

Die Digitalisierung wälzt die Branchen um – auch die Chemieindustrie. Was das für Evonik bedeutet? Eine junge Konzerntochter gibt Antworten – und treibt die Transformation voran. Ein Besuch in der Digital GmbH in Essen

TEXTCHRISTA FRIEDL

FOTOGRAFIEHENNING ROSS

Wer wissen will, wie jemand tickt, sollte nach Vorbildern fragen. Auf den Steckbriefen, die in der Teeküche der Evonik Digital GmbH hängen, haben alle, die hier arbeiten, ihre Vorbilder angegeben. Captain Future steht da neben Catwoman, Mr. Spock neben Tesla-Gründer Elon Musk. Superhelden, Science-Fiction- Figuren und Visionäre, die Grenzen überschreiten, Herausforderungen suchen und mit ihren Ideen die Welt bewegen.

Dr. Henrik Hahn sieht nicht aus wie Captain Future oder Mr. Spock. Der 49-jährige Verfahrensingenieur ist der erste Chief Digital Officer des Konzerns, die Frauen und Männer, die hier arbeiten, sind sein Team. Gemeinsam sollen sie die digitalen Potenziale des Konzerns ausloten und mit ihren Ideen in der Chemiebranche Zeichen setzen. Und das ausgerechnet in einer ausgedienten Sparkassenfiliale.

Ein schmuckloses Gebäude in einer schmucklosen Straße, eine alte Trinkhalle gleich um die Ecke. Hier wollen Hahn und seine Leute die digitale Zukunft für Evonik entwickeln? „Wir brauchten ein innovationsund kommunikationsfreundliches Raumkonzept mit einem echten Start-up-Gefühl“, erläutert Hahn. Wer hier arbeitet, braucht eigentlich keinen Nachnamen. Und auch keine akademischen Titel. Großraum statt Einzelbüros, Jeans statt Anzug. „Auch das ist Evonik“, sagt Hahn.

Seine Digitalstrategie entwickelt der Konzern anhand einer Frage: Sichert uns die Art und Weise, wie wir derzeit produzieren, forschen und kommunizieren, unsere Zukunft und unsere Profitabilität? „Das ist sicher kein Automatismus“, sagt Dr. Catharina Müller-Buschbaum, die gemeinsam mit Henrik Hahn die Digital GmbH leitet. „Die Regeln in der digitalen Welt verändern sich rasant“, betont die Chemikerin, „Kommunikation wird immer schneller, direkter und transparenter, Unternehmensgrenzen werden durchlässiger.“

Ein Schnellboot für alles Digitale

„Digitalisierung ist schon seit Jahren ein großes Thema im Konzern“, sagt Hahn. Etwa in der Produktion. Längst sorgen intelligente Tools dafür, dass Prozesse effizient ablaufen und auch kleinere Abweichungen im Anlagenbetrieb frühzeitig erkannt werden. „Neu ist, dass wir jetzt ein Schnellboot für alles Digitale haben: die Evonik Digital GmbH.“ In ihrem Team haben Hahn und Müller-Buschbaum 25 Experten verschiedener Disziplinen zusammengebracht: Betriebswirte, Techniker, Naturwissenschaftler, Geistes- und Sozialwissenschaftler.

Das 2017 gegründete Tochterunternehmen nimmt Impulse aus den operativen Bereichen auf und treibt neue Ideen und Geschäftsmodelle voran, bis sie ins alltägliche Geschäft überführt werden können. „Digitalisierung ist schon technologiegetrieben“, betont Hahn. „Unsere Aufgabe ist es auszuloten, wie wir sie für den Kunden optimal nutzen können.“ Die nötigen Mittel dafür sichert der Mutterkonzern: Bis 2020 stellt Evonik für Digitalisierungsaktivitäten rund 100 Millionen € zur Verfügung. Die wichtigsten Fragen dabei: Welche neuen Geschäftsmodelle kann Evonik in der digitalen Welt entwickeln? Welchen Nutzen haben diese für die Kunden? Wie verändern digitale Methoden und Werkzeuge Forschung und Entwicklung? Und wie kann das Unternehmen seine Mitarbeiter dabei unterstützen, sich auf die digitale Arbeitswelt einzustellen?

Beispiel Forschung: In einer globalisierten, digitalisierten Welt sind Forschung und Entwicklung wichtiger als je zuvor, doch die Innovationszyklen werden immer kürzer. Wer mithalten will, muss schnell Ergebnisse bringen, die Kunden und Märkte überzeugen. Dafür testet Evonik Digital agile Arbeitsmethoden, bei denen Flexibilität und schnelle Anpassungsfähigkeit im Mittelpunkt stehen. Etwa mit den sogenannten Design Sprints, einer Methode, die einst bei Google entstanden ist.

»DIE REGELN IN DER DIGITALEN WELT VERÄNDERN SICH RASANT.«

CATHARINA MÜLLER-BUSCHBAUM

Interdisziplinärer Austausch: Maschinenbauer Jörn Kiwitt und Betriebswirtin Jenny Taheri

Fehlentwicklungen verhindern

„Mit Design Sprints erfahren wir in kurzer Zeit, was unsere Kunden wollen und ob es für eine Idee einen Markt gibt“, erklärt Maschinenbauer Jörn Kiwitt, der Entwicklungsmethoden aus der digitalen Welt in die Chemiebranche überträgt. „Wir orientieren uns dabei unmittelbar am Anwender und erweitern damit unser Methodenspektrum für Innovationsprozesse.“

Während die Suche nach neuen Additiven oder optimierten Syntheseverfahren üblicherweise mehrere Jahre dauert, wird ein erstes Konzept für eine Innovation bei einem Sprint innerhalb einer Arbeitswoche entwickelt. Am Montag legt ein kleines Team das Sprintziel fest: Welche Fragestellung soll beantwortet werden? Am Dienstag werden Lösungsvorschläge erarbeitet. Am Mittwoch wird eine der Lösungen ausgewählt und in Form eines Storyboards – einer Argumentationskette für den Kunden – umgesetzt. Am Donnerstag geht es darum, die gefundene Lösung durch eine Art Prototyp zu verwirklichen – das kann ein chemischer Stoff sein, aber auch ein Vertriebskanal oder ein Servicekonzept. Und am Freitag wird der Prototyp potenziellen Kunden vorgestellt, etwa in Form eines kurzen Videos. Der Prototyp ist dabei kein fertiges Produkt, sondern lediglich eine Attrappe, die die Reaktion des Kunden prüft.

Diese Reaktion entscheidet dann, ob und wie aus der Idee tatsächlich ein Produkt für die Praxis entsteht. „Design Sprints erlauben konzentriertes Arbeiten, sorgen für hohe Motivation und sind für alle Beteiligten sehr befriedigend“, erklärt Kiwitt. Vor allem aber verkürzen sie Innovationszyklen, senken Kosten und verhindern Fehlentwicklungen, die am Markt vorbeigehen. Hahn und seine Leute haben mittlerweile mehrere solcher Sprints durchgeführt, zu eigenen Themen, aber auch mit Fachteams aus dem Konzern. Die Erfahrungen sind bisher durchweg positiv – beispielsweise hat Evonik Digital mit dem Gewinnerteam des konzerninternen Ideation Jam 2017 in einem Sprint ein dreiminütiges Video für ein neues Additiv zur Selbstheilung von Rissen in Beton erstellt. Mögliche Zielkunden wie Betonhersteller und Bauunternehmer haben darauf begeistert reagiert. Die Ergebnisse tragen dazu bei, aus der Idee ein marktfähiges Produkt zu entwickeln.

Ebenfalls in einem Design Sprint entstand eine Idee für die Chemielogistik. Ein Plattformkonzept, das übergreifend Informationen zu Warenbestellungen und Transportaufträgen mit Statusdaten der Transportmittel kombiniert, könnte für weniger Leerfahrten und kürzere Wartezeiten in der Logistik sorgen. „Das könnte mehr als 20 Prozent Effizienzsteigerung bringen“, schätzt Hahn. Eine Voraussetzung dafür ist Transparenz in Echtzeit, das heißt beispielsweise, immer zu wissen, wo Lkw und Ware sich gerade befinden. Dazu führt Evonik Digital zusammen mit Kollegen aus der Logistik, einem Geschäftsgebiet und dem Data Lab des Bereichs IT seit März einen Test mit einem Spediteur durch.

Chemikalien per Klick

Besonders radikal verändert die Digitalisierung den Handel – nicht nur im Endkundengeschäft. Auch für B2B-Unternehmen wie Evonik eröffnen sich neue Möglichkeiten zu lernen, was Kunden wirklich wollen. Und ihnen die Lösungen für ihre Anforderungen maßgeschneidert anzubieten. Der digitale Verkaufskanal, mit dem die Spezialisten der Digital GmbH gemeinsam mit dem Geschäftsgebiet Functional Solutions jetzt erste Erfahrungen sammeln, heißt ChemEasy. Der Name ist Programm: Ob Menge, Zahlungsart oder Anlieferung – mit ein paar Klicks werden die Parameter festgelegt, und das Geschäft ist erledigt.

Partnerschaften

Um die Digitalisierung im Konzern voranzutreiben, geht Evonik Kooperationen auf verschiedenen Ebenen ein. Durch eine strategische Partnerschaft mit IBM erhält Evonik Zugang zu kognitiven, cloudbasierten Lösungen wie Blockchain und Internet of Things. Bei einer Zusammenarbeit mit der Universität Duisburg- Essen geht es um die gemeinsame Weiterentwicklung individuell zugeschnittener Schulungskonzepte in der industriellen Praxis. Außerdem engagiert Evonik sich beim Digital Growth Fund I des Wachstumsinvestors Digital+ Partners, der schnell wachsenden jungen Industrialtech- und Fintech-Firmen Wachstumskapital zur Verfügung stellt.

Seit rund einem Jahr vertreibt Functional Solutions auf diesem Weg unter anderem Katalysatoren für die Biodieselherstellung in Deutschland und sieben weiteren europäischen Ländern. Erste Reaktionen der Kunden sind positiv, und das Team denkt schon einen Schritt weiter. ChemEasy könnte langfristig zu einer Plattform entwickelt werden, auf der sich eine ganze Branche, etwa Biodieselproduzenten oder Papierhersteller, mit allen notwendigen Chemikalien unterschiedlicher Hersteller versorgt. In diesem Jahr soll der digitale Vertriebskanal europaweit ausgebaut werden und auch in den USA, in Singapur und Brasilien starten.

Vom Endkunden lernen

Auch von Erfahrungen aus dem Endkundengeschäft wollen Hahn und seine Leute lernen. „Wenn wir das Kaufverhalten von Privatkunden analysieren, können wir daraus wertvolle Schlüsse für unser B2B-Geschäft ziehen“, erklärt Projektleiter Philipp Tomuschat. „Schließlich ist jeder B2B-Einkäufer zugleich ein Endkunde.“ Um diese Erfahrungen selbst machen zu können, haben die Digitalisierungsexperten einen eigenen Onlinevertrieb für Privatkunden aufgebaut: das Projekt MEDOX®. Vertrieben wird das Nahrungsergänzungsmittel MEDOX® aus skandinavischen Heidelbeeren und neuseeländischen Johannisbeeren. Die Kapseln enthalten Pflanzenstoffe, deren positiver Einfluss auf Blutgefäße, Herz-Kreislauf-System und Zuckerstoffwechsel belegt ist.

Seit Ende 2017 verkauft Evonik Digital die Kapseln in Deutschland ausschließlich über den neuen MEDOX®- Shop. Eine große Spielwiese für Experimente über Wünsche und Bedürfnisse von Endverbrauchern im digitalen Direktvertrieb. „Wir können genau verfolgen, wie große Datenmengen erfasst, strukturiert und nutzbringend ausgewertet werden“, sagt Tomuschat. „Nach der Auswertung übertragen wir dann unsere Erfahrungen auf das Geschäft mit Industriekunden.“

Produktentwicklung, Logistik, Vertrieb: Die Ansatzpunkte für Hahn und sein Team sind groß, und die tatsächlichen Auswirkungen der digitalen Transformation auf die Chemieindustrie nehmen langsam Konturen an. „Wir bei Evonik beschäftigen uns seit mehr als hundert Jahren mit Chemie. Unsere Lernreise in das digitale Zeitalter hat dagegen gerade erst begonnen“, sagt der Chief Digital Officer. „Das ist kein Mangel“, fügt er hinzu. „Das ist eine große Chance.“

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