Unternehmen brauchen mehr Gründergeist

Ein Plädoyer für eine stärkere Startup-Kultur

TEXTUlrich Küsthardt, CIO Evonik Industries AG

Große Konzerne gelten nicht gerade als Nährboden, auf dem kreative Ideen wachsen, wo ausprobiert und auch gescheitert werden darf. Warum eigentlich nicht? Kleine wie große Unternehmen müssen dynamisch bleiben, wenn sie überleben wollen. Das heißt nichts anderes, als dass das Gleichgewicht stimmt: zwischen Strukturen, Prozessen, Regularien einerseits und Freiheitsgraden für Menschen, die unkonventionell denken und unbeirrt ihren Weg gehen andererseits. Es braucht Erfinder und Entrepreneure, die den Ideen zum Erfolg verhelfen, in einem Umfeld, dass ihnen genau dies ermöglicht. Wo Ideen erkannt und gefördert, wo der Fehler auf dem Weg zum Erfolg nicht stigmatisiert, sondern als Teil dessen gesehen wird. Nicht nur in den Naturwissenschaften gehört die Methode „Trial and Error“ mitunter dazu – auch die Erfinder großer Innovationen kennen sie. Fragen Sie doch mal den Nobelpreisträger Roald Hoffmann, zum Beispiel.

Warum ist der Typus des Entrepreneurs zuletzt immer populärer geworden? Weil echte Innovationen inzwischen immer häufiger aus kleinen Startups kommen? In meinem Job habe ich oft mit Gründern zu tun. Wir investieren ja nicht nur über unsere Venture-Capital-Einheit in junge Unternehmen. Viele weitere Kooperation verbinden uns mit agilen Newcomern. Was macht Menschen mit einem ausgeprägten Gründergeist so besonders? Mich faszinieren immer wieder Neugierde, Begeisterungsfähigkeit, Ausdauer, der sprühende Optimismus. Dazu kommt: gnadenlose Effizienz im Umgang mit begrenzten Ressourcen. Aber auch: die Bereitschaft, eine Idee zu begraben. Zu lange auf das falsche Pferd zu setzen, das kann leicht Millionen verschlingen. Hier können die „großen Tanker“ noch lernen – in Sachen Schnelligkeit, Fehlerkultur und Konsequenz-Management ganz sicher.

Evonik arbeitet daran, den Typus des Entrepreneurs im eigenen Unternehmen zu finden, zu fördern und ihm Möglichkeiten zur Entfaltung zu bieten. Wir brauchen diesen Typus Mensch in unseren Teams, da Vielfalt stets die Kreativität fördert und am Ende zu besseren Ergebnissen führt. Wir tun dies etwa mit unserem jährlichen Ideenwettbewerb, an dessen Ende der „Entrepreneurship Award“ verliehen wird. Darauf bereiten wir die sechs besten Teams mit Coaches und einem Bootcamp vor. Hier verfeinern die Teams nicht nur ihre Ideen, sondern lernen auch, wie man seine Idee anderen Entscheidungsträgern im Unternehmen „verkauft“. Beim „Idea Pitching“, manch einer kennt dies von der „Höhle der Löwen“, wird die Idee oder das Vorhaben innerhalb weniger Minuten auf den Punkt gebracht. Das kann in einer kurzen Aufzugsfahrt sein oder – wie bei uns im Entrepreneurship-Finale – vor 200 Evonik-Kollegen. Es gilt, die Zuhörer in 10 Minuten zu begeistern. Ein Vertreter des Gewinnerteams bekommt schließlich die Möglichkeit, die Idee ein Jahr lang weiterzuentwickeln und die Marktfähigkeit unter Beweis zu stellen. Danach muss ein operativer Bereich im Unternehmen gefunden werden, der bereit ist, den entwickelten Prototypen in den Markt zu bringen und weiter zu finanzieren – oder aber: man begräbt den Plan. Für die alle Corporate Entrepreneure – manchmal auch Intrapreneure genannt – ist das eine Hochgeschwindigkeitsentwicklung ihrer Persönlichkeit, ganz gleich, an welcher Stelle des Wettbewerbs sich Erfolg oder auch Misserfolg einstellen. Gelernt haben alle.

Wir auch. Nämlich, dass wir sehr viele kreative Kollegen mit Potenzial im Unternehmen haben. Menschen, die über ihre Berufsbeschreibung hinausdenken – manchmal auch weit ab davon – und so neuen Prozessen und Produkten einen Weg ebnen. Aber sie brauchen auch ein passendes Umfeld, um gedeihen zu können. Das erfordert einen kulturellen Wandel noch größeren Ausmaßes. Hier leisten wir mit dem Entrepreneurship-Wettbewerb und der Ideenverwirklichung einen Beitrag. Der kulturelle Wandel aber braucht eine Vielzahl solcher Bausteine. Zu Fehlern stehen, daraus lernen, Erfahrungen teilen: Das haben uns viele Gründer voraus. Und genau deshalb, da lasse ich nicht locker, entwickeln wir weitere Formate, mit denen unsere Innovationskultur noch deutlich sichtbarer wird. Und schließlich auch ein Konzern zu einem Nährboden für Neues. Warum auch nicht?

Illustration: Romina Birzer

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