Prof. Wendelin Stark
hält den Lehrstuhl für Funktionale Werkstofftechnik am Institut für Chemie und Bioingenieurwesen der ETH Zürich. Er studierte dort Chemie und promovierte in Maschinenbau und Verfahrenstechnik.

Start-ups und Spin-offs – das Ende der Konzerne?

Noch scheinen die etablierten Chemieunternehmen dank ihrer anspruchsvollen und kapital­intensiven Produktion gegen Angreifer mit disruptiven Geschäftsmodellen geschützt. Doch innovative junge Wettbewerber könnten auch sie bald in Bedrängnis bringen.

TEXTWENDELIN STARK

ILLUSTRATIONHENRIK ABRAHAMS

Der Blick aus den Topetagen großer internationaler Unternehmen bietet oftmals großartige Perspektiven. Doch kann sich dabei auch ein Gefühl von Unbehagen einstellen. Denn irgendwo da unten sitzen sie – die superinnovativen jungen und voll digital aufstellten Teams mit dynamischen, hoch motivierten Mitarbeitern, die buchstäblich alles für ihre Firma geben.

Einige sind verborgen in unscheinbaren Kleingewerberäumen, andere suchen in kollektiven „Coworking Spaces“ die Gemeinschaft Gleichgesinnter. Dem Gefühl, in den Konzernzentralen strenger Regulierung unterworfen und den Forderungen von Aktio­nären, Behörden oder Gruppen von Aktivisten ausgesetzt zu sein, steht der Traum vom Jungunternehmer als neuem Helden gegenüber – auch wenn die in der Realität oft wenig nennenswerten Ergebnisse den Firmenwert und die Erwartungen an die meisten Start-ups kaum begründen können.

Deutlich wird die Wucht der neuen Entwicklung am Aktienmarkt, wo forsche Neulinge altbekannte Vertreter aus den Börsen­indizes verdrängen. Oder beim Wettbewerb um junge Talente, wenn Newcomer als beliebte Arbeitgeber gefeiert werden und den alteingesessenen Konzernen qualifizierte Mitarbeiter abwerben.

In der chemischen Industrie sind wir von heftigen Umwälzungen bislang weitgehend verschont geblieben. In unserer Branche hat noch kein Elon Musk die etablierten Unternehmen frontal ­attackiert. Erdbebenartigen Verwerfungen wie in den Medien oder der Musikindustrie sind wohl kaum zu erwarten. Können wir uns also entspannt zurücklehnen und den Wirbel in anderen Branchen aus sicherer Distanz beobachten?

Warum ist die chemische Industrie von Erschütterungen durch disruptive Geschäftsmodelle bislang verschont geblieben? Dafür gibt es meiner Ansicht nach vier zentrale Gründe:

1. Die chemische Industrie ist profitabel und extrem kapital­intensiv: In der Unterhaltungs-, Nachrichten- oder Musikwelt sind die Eintrittshürden für digitale Geschäftsmodelle mit disruptivem Potenzial niedrig, weil die Anfangsinvestitionen vielfach vergleichsweise überschaubar sind und die Grenzkosten der Produktion und des digitalen Vertriebs von Texten, Videos oder Songs bei wachsenden Stückzahlen gegen null gehen. Demgegenüber sind die Scale-up-Kosten in der Chemie­industrie hoch, und jede Produktionssteigerung benötigt zusätzliches Kapital.

2. Regulation, Sicherheit und Haftung: Die chemische Industrie ist stark reguliert, Produkte müssen komplexe Zulassungen durchlaufen, und Lieferketten verlangen weitreichende Garantien. Auch diese Hürden erschweren Neulingen den Einstieg.

3. Langjährige Ausbildung und Spezialisierung: Die hohe Spezialisierung der Fachkräfte in der chemischen Industrie führt zu einer wechselseitigen Abhängigkeit von Arbeitnehmern und Arbeitgebern.

4. Patentschutz: Der Schutz eigener Produkte für 20 Jahre ist ein zentrales strategisches Instrument. In der pharmazeutischen Industrie zählen Patentlaufzeiten sogar zu den wichtigsten Bewertungskennzahlen, die über Unternehmenswert und Handlungsfähigkeit entscheiden.

Die oben diskutierten Hürden sind ein Hindernis, solange kapital­intensive Geschäftsmodelle Vorteile bieten. Mit der Niedrigzins­politik, die nach der Finanzkrise 2008 eingeleitet wurde, ist der Einstieg in ein kapitalintensives Geschäftsfeld viel leichter möglich. Die scheinbar stabilen Säulen der Chemiebranche erweisen sich damit als Schwachstellen, da sie Unternehmen zur Trägheit verleiten und agilen neuen Marktteilnehmern attraktive Felder eröffnen.

Hersteller von Elektronik-Hardware haben ihre einstige Vormachtstellung im Zuge der Digitalisierung längst eingebüßt. Die Entwicklung der Betriebssysteme begründete den Aufstieg der Softwareanbieter, inzwischen bestimmen die Betreiber sozialer Netzwerke das Geschäft. Die Analogie zur chemischen Industrie lässt sich nicht ohne Weiteres herstellen, allerdings erscheint es mir sinnvoll, darüber nachzudenken, ob es auch hier zu vergleichbaren Umbrüchen kommen kann.

Die heutige Unternehmensstruktur ist bestimmt von wenigen großen Konzernen, riesigen Produktionsanlagen mit hoher Spezialisierung und den Zugängen zu Rohstoffquellen wie Öl- und Gasvorkommen oder Minen. Der Übergang zu zyklischen Rohstoff­nutzungs- und Recyclingprozessen sowie die Verwendung lokal gewonnener Energie- und Rohstoffkomponenten schaffen ganz neue Rahmenbedingungen. Damit schwinden die Größen- und Kostenvorteile großer Anlagen. Wichtige Treiber dieser Entwicklung sind der zunehmende Wunsch der Konsumenten und die neuen technischen Möglichkeiten, Herstellung und Lieferketten transparenter werden zu lassen, um die Wege der Produkte nachvollziehbar zu machen.

Bis heute sind die strategischen Überlegungen der chemischen Industrie geprägt von bekannten chemischen Verfahren und Produkteigenschaften. Der Verfall der Preise für Rechen- und Kommunikationsleistungen führt aber zu immer günstigeren Programmen zur Modellierung. Ähnlich massiv ist der Preisverfall bei der Analyse und Synthese von Nukleinsäuren sowie die enorme Kapazitätssteigerung biologischer Methoden. Das eröffnet eine Vielzahl neuer Möglichkeiten der synthetischen Biologie. Die Konvergenz dieser beiden Entwicklungen könnte dazu führen, dass künftig auch komplexe chemische Produkte dezentral produziert werden. An die Stelle großer Produktionsanlagen mit langen Transport­wegen würden kleine, dezentrale Einheiten treten, die nach Bedarf bestimmte Produkte aus lokalen Ausgangsprodukten fertigen. Transportiert werden müssten dann nur noch Informationen, die die Produktionsprozesse definieren. Die Kosten für diese Transporte sind praktisch gleich null. Damit wäre eine Kostenstruktur wie in der Welt des Internets und der Informationstechnik erreicht.

Chemische Produkte werden immer wichtige Inhaltsstoffe bleiben. Begegnet die chemische Industrie neuen Entwicklungen jedoch weiterhin so passiv wie bisher, läuft sie Gefahr, ihre Bedeutung als Industrie zu verlieren und in die Rolle des Zulieferers und Anbieters von Servicefunktionen zu geraten. Diese Entwicklung ist wahrscheinlich, wenn andere Industriezweige weiter in angestammte Geschäftsfelder der chemischen Industrie vordringen und die Chemie in Gesellschaft und Ausbildung nicht mehr als eigenständige Disziplin, sondern als mitwirkendes Konzept untergeordneter Wichtigkeit dargestellt wird.

Damit würden Chemieunternehmen auch auf dem Arbeitsmarkt an Attraktivität verlieren. Berufseinsteiger stehen heute vor einer Vielfalt an Möglichkeiten, ihre Zukunft zu gestalten. Sie haben die Wahl, Angestellter bei einem Großunternehmen zu werden oder den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Dabei sind die Hürden deutlich niedriger als vor 20 Jahren, der Zugang zu Kapital ist leichter – etwa über eine Schwarmfinanzierung oder als Spin-off aus einer Universität. Die innovativsten und motiviertesten jungen Talente werden stärker vom Unternehmertum angezogen als Hochschulabsolventen mit einem eher durchschnittlichen Abschluss. Damit stehen Großunternehmen vor der Herausforderung, attraktive Angebote zu entwickeln oder aus einem schwächeren Talent­pool rekrutieren zu müssen. Innovative Ansätze könnten
hier sein, eine größere Partizipation zu ermöglichen, indem Mitarbeiter schneller zu Mitbesitzern der Firmen gemacht werden, für die sie arbeiten.

Die Transformation der Welt des 20. Jahrhunderts, die von Großunternehmen, massiven Marketingausgaben und langfristiger Investitionsplanung geprägt war, in eine noch vielfach unklare neue Welt ist ebenso herausfordernd wie spannend. Es ist eine Welt, in der kritische Kunden erheblichen Einfluss auf die Gestaltung der Lieferketten haben, mit netzwerkbasierter Meinungsbildung und niedrigen Kapitalkosten. Alle Versuche großer Unternehmen – auch in der etablierten Chemieindustrie –, den Status quo so lange wie möglich zu erhalten, sind wenig geeignet, diesem fundamentalen Wandel zu begegnen. Gefragt sind vielmehr Offenheit für neue Ideen – und der Mut, jungen Führungskräften mit Unternehmergeist mehr Verantwortung zu übertragen, um diese Zukunft zu gestalten.

ELEMENTS-Newsletter
Erhalten Sie spannende Einblicke in die Forschung von Evonik und deren gesellschaftliche Relevanz - ganz bequem per E-Mail.