Die Politik will einen zügigen Ausstieg aus der Kohleverstromung. Wie das ohne wirtschaftliche Verwerfungen gelingen könnte, ist noch nicht erkennbar. Ideologische Vorgaben führen hier nicht weiter.

Von Christian Kullmann

Christian Kullmann ist seit 2014 Mitglied des Vorstandes von Evonik und seit Mai 2017 Vorstandsvorsitzender.

Die Vision hinter der deutschen Energiewende klingt grandios. Wir verzichten auf Kernkraft, Kohle und Gas und erzeugen unseren Strom stattdessen aus Sonne und Wind. Das sind kostenlose, saubere Ressourcen, für alle Zeiten endlos verfügbar. Wir werden vollkommen unabhängig von Importen, reduzieren spürbar unsere Emissionen und entwickeln zugleich neue, bahnbrechende Technologien, die wir in alle Welt verkaufen können.

Natürlich – diese wunderbare Vision ist es wert, weiter in die Forschung und Entwicklung alternativer Stromerzeugung zu investieren. Wem, wenn nicht unseren Ingenieuren, Technikern, Physikern und Chemikern trauen wir zu, eines Tages tatsächlich Anlagen zu bauen, die sauber, zuverlässig und wirtschaftlich Strom nicht nur erzeugen, sondern auch speichern? Dann wären konventionelle Kraftwerke überflüssig. Auch die Forscher von Evonik arbeiten an dieser Perspektive kräftig mit. Mit unseren Produkten ermöglichen wir zum Beispiel den Bau hochmoderner und ertragsstarker Windkraftanlagen. Als Vorstand eines Unternehmens, dessen Zukunft maßgeblich von seiner Innovationskraft abhängt, vertraue ich auf die Forschung. Zugleich weiß ich aus Erfahrung: Unmögliches geht eben nicht sofort. Und Wunder dauern noch ein bisschen länger.

Um die deutsche Energiewende zum Erfolg zu führen, brauchen wir vor allem zwei Dinge: Zeit und Geld. Für die Zeit sind maßgeblich die Politiker zuständig, die in Berlin, Paris, Marrakesch und jetzt in Kattowitz ehrgeizige Fahrpläne verabschieden, um den Anteil der sogenannten erneuerbaren Energien immer weiter nach oben und die CO₂-Emissionen immer weiter nach unten zu treiben. Das Ziel des Pariser Abkommens, die globale Erwärmung auf höchstens zwei Grad im Verhältnis zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen, steht. Und Evonik steht als Konzern dahinter. Wer diese Pläne aber ernst nehmen will, der braucht einen breiten internationalen Konsens. Denn mit ­nationalen Alleingängen ist diese globale Herausforderung sicher nicht zu lösen.

Für den zweiten Punkt, das Geld, sind wir zuständig, private Stromkunden, kleine und große Unternehmen. Mit anderen Worten: wir alle. Mit mehr als 20 Milliarden Euro subventionieren wir über das EEG-System den Bau immer neuer Windräder und Sonnendächer. Jahr für Jahr. Eine enorme Summe. Im Vergleich dazu erscheint die seinerzeit vehement kritisierte Förderung des deutschen Steinkohlenbergbaus doch recht bescheiden.

Stünden wir nun kurz davor, wahrhaftig sauber, zuverlässig und wirtschaftlich Strom aus regenerativen Quellen erzeugen und speichern zu können, ließen sich diese riesigen Subventionen über Jahrzehnte hinweg als lohnende Investitionen rechtfertigen. Aber die Realität sieht anders aus. Eine Grundlastversorgung aus Windkraft- und Solaranlagen lässt sich in Deutschland bisher nicht sicherstellen. Im Gegenteil: Konventionelle Kraftwerke deckten in diesem Sommer gut 63 Prozent des Strombedarfs, allen voran die Kohlekraftwerke, deren Beitrag zur Aufrechterhaltung der Versorgung weiter stieg – trotz des Zubaus an Grünstromanlagen.

Für die Industrie ist diese sichere Versorgung mit Strom ein entscheidender Vorteil des Standorts Deutschland. Energieinten­sive Unternehmen wie Evonik können nur dort produzieren, wo es faktisch keine Stromausfälle gibt. Dieser für den Wohlstand in unserem Land so entscheidende Faktor scheint in der breiten Diskussion über den Ausstieg aus der Kohle und die Rettung des Weltklimas gelegentlich etwas kurz zu kommen. Vor diesem Hintergrund wirft auch die Zusammensetzung der sogenannten Kohle­kommission der Bundesregierung Fragen auf. Wie viele Vertreter der energieintensiven Industrie finden sich unter den mehr als 30 Mitgliedern in diesem wichtigen Gremium? Da sticht als Einziger Michael ­Vassiliadis, der Vorsitzende der IG BCE, heraus. Das ist ein guter Vertreter für die Interessen der Beschäftigten, ohne Frage. Aber es wäre der Sache dienlich, wenn die energieintensive Industrie auch unmittelbar mit am Verhandlungstisch sitzen würde.

»Eine Grundlastversorgung aus Windkraft- und Solaranlagen lässt sich in Deutschland bisher nicht sicherstellen.«

Ein verbindliches Datum für das Ende der deutschen Kohlekraftwerke ist noch nicht gefunden. Nach allem, was man hört, geht es aber gar nicht mehr um das Ob, sondern nur noch um das Wann. Offen bleibt dabei aus heutiger Sicht das Wie.

Wie soll die Stromerzeugung aus Kohle ­eines Tages ersetzt werden? Wie bleibt Deutschland im harten Wettbewerb mit wachsenden Standorten in Asien und Amerika attraktiv? Und wie gelingt es uns, andere Industrieländer auf unserem Weg einer großen Energiewende mitzunehmen - statt allein voranzupreschen? Hierzu ist ein energiepolitischer Masterplan für ganz ­Europa nötig, statt nur symbolisch über Jahreszahlen zu feilschen.

Wenn Kernkraft und Kohlekraft politisch gewollt wegfallen, bleiben als Ersatz auf dem heutigen Stand der Technik lediglich Gaskraftwerke, um eine sichere Stromversorgung zu gewährleisten. Sie stoßen zwar ebenfalls CO₂ aus, allerdings deutlich weniger als Kohlekraftwerke. Und sie lassen sich schneller herauf- und herunterfahren - und damit besser mit der volatilen Erzeugung aus Sonne und Wind in Einklang bringen. Damit stellt sich aber die Frage der Versorgungs­sicherheit auf einer ganz anderen Ebene, nämlich beim benötigten Brennstoff.

»Für die Industrie ist die sichere Versorgung mit Strom ein entscheidender Vorteil des Standorts Deutschland.«

Da Deutschland über keine nennenswerten Erdgasvorkommen verfügt und europäi­sche Lieferanten wie Norwegen, die Niederlande und Großbritannien den deutschen Bedarf bei Weitem nicht decken können, sind unsere Gaskraftwerke vor allem auf russisches Gas angewiesen. Dass die Amerikaner mit ihrem Flüssiggas nun ebenfalls auf den europäischen Markt drängen, ist gut. Das schafft Wettbewerb zwischen den Lieferanten und verhindert aus europäischer Sicht allzu einseitige Abhängigkeiten.

Doch über der Begeisterung für diese neue mögliche Bezugsquelle darf nicht der Weg nach Osten verbaut werden, im Gegenteil. Deutschland und Europa brauchen dringend die zweite Nord-Stream-Pipeline durch die Ostsee. Ohne sie würde bald das Gas knapp werden, wenn wir eines Tages tatsächlich das letzte deutsche Kohlekraftwerk vom Netz nehmen. Und vergessen wir nicht: Unbehelligt von allen politischen Auseinandersetzungen war uns Russland über Jahrzehnte ein zuverlässiger Partner in der Energieversorgung, selbst über die Systemgrenzen des Kalten Krieges hinweg. Es spricht nichts dagegen, dass das auch in Zukunft so sein wird.

Der Ausstieg aus der Kohle, der Umstieg auf erneuerbare Quellen und Gas kann also in unserem Land ohne große wirtschaftliche Verwerfungen nur dann gelingen, wenn mit Augenmaß und ohne ideologische Vorgaben gehandelt wird. Was passiert aber dann mit dem Kohlemarkt? Nun, der wird auch ohne uns weiterhin florieren. Weltweit sind aktuell sagenhafte 1.500 neue Kohlekraftwerke im Bau. Ein Fakt, der in Europa zwar hinlänglich bekannt ist. Der Dringlichkeit des deutschen Ausstiegs scheint er aber keinen Abbruch zu tun.

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