Gourab Mukherjee gründete in Singapur ein Internet-Start-up. Innerhalb eines Tages waren die Verwaltungsformalien dafür erledigt.

Die Stadt, die sich immer neu erfindet

TEXTJÜRGEN KREMB

FOTOGRAFIERAPHAEL OLIVER

Die Stadt, die sich immer neu erfindet

Schon im Jahr 1981 entwarf Singapur einen „Nationalen Plan zur Computerisierung“. Heute zählt der Inselstaat an der Südspitze Malaysias 50.000 Start-ups und macht sich auf, die Forschungskapitale Asiens zu werden. Evonik hat hier gerade ein neues ­Forschungszentrum eröffnet. Was zeichnet die besondere Innovationskultur des Stadtstaates aus? Zu ­Besuch in einem kleinen Land mit großen Ambitionen.

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Ein Wohnhochhaus mit blauen Balkonverkleidungen? Nein, eine ehemalige Lagerhalle. Sie sieht so aus, wie man in den 1970er-Jahren überall in Asien Fabrikhallen baute. Fünf Stockwerke hohe, schmucklose Betonkästen, im ersten Stock sind klobige Rampen, damit man Werkzeug- oder Textilmaschinen in die Hallen wuchten kann. In den oberen Stockwerken waren in der Regel ­puristische, aber funktionale Büros, von wo aus man schnell produzierte Gebrauchsgegenstände und einfache Elektronik in die ganze Welt verschiffte. So baute man auch in Taiwan und Südkorea – Tiger­architektur aus der Zeit, als asiatische Tigerstaaten noch die Exoten unter den Industriestaaten waren.

Dr. Ronny Sondjaja Der indonesische Chemie­ingenieur leitet das neue Evonik-Forschungszentrum mit dem Schwerpunkt Ressourceneffizienz.

Dieser Block 71 des regierungseigenen Launch Pads ist heute das Epizentrum der Start-up-Szene Singapurs. In den noch vor vier Jahren zum Abbruch bestimmten Block zogen zuerst Computernerds ein und hellten die Außenfassaden ein bisschen auf. Heute werkeln junge Leute mit Kapuzenpullis und bunten T-Shirts in den zu Büros umgebauten Werkshallen. Was früher bestenfalls den spröden Charme einfacher Fabriken verströmte, sieht nun den Büros im ­Silicon Valley zum Verwechseln ähnlich. Nicht chinesische Dialekte herrschen in der Kantine vor, sondern Mandarin und Englisch. Inzwischen ist Block 71 das Zentrum von fünf Fabrikhallen geworden, wo über 750 Start-ups von der Regierung gefördert werden.

Zum Beispiel das von Gourab Mukherjee. Für seinen Sechs- Mann-Betrieb zahlt der 32-Jährige umgerechnet gerade mal 100 € Miete im Monat. In dem für seine exorbitant hohen Mieten gefürchteten Inselstaat ist das spektakulär günstig. Mukherjee, geboren in Kalkutta (Indien), hat in Singapur Informatik studiert und sich mittlerweile mit seiner Gesundheitsapp „Aktivo“ selbstständig gemacht. „Mit Daten, die wir über ein handelsübliches Fitnessarmband gewinnen, lassen sich innerhalb von 24 Stunden relativ genaue Aussagen über den Gesundheitszustand des Trägers und Prognosen über seine Lebenserwartung treffen“, erklärt er. Sind die Daten erst mal verarbeitet, erhalten die Nutzer Ernährungs-, Fitness- und Gesundheitstipps, Warnungen vor akuten Risiken oder Vorschläge für Sport und Entspannungsübungen auf ihr Smartphone.

Mittlerweile haben mehrere Versicherer und Konzerne Interesse an der App bekundet. Im Sommer 2018 soll eine Studie mit 9.000 Probanden in Indien durchgeführt werden. Das dazu notwendige Geld, fast 400.000 €, stammt aus Fördertöpfen der Regierung und von einem amerikanischen Investor. „Ohne die großzügige Förderung der Regierung und die hervorragende Infrastruktur wären wir nie aus den Startblöcken gekommen“, sagt Mukherjee. Innerhalb nur eines Tages war sein Unternehmen nebst Firmenbankkonto eingerichtet.

Von der Innovationskraft profitieren

Beim Faktor „Talents“, der die Verfügbarkeit von Nachwuchskräften beschreibt, belegt Singapur in einer Analyse der US-Organisation Genome unter 10.000 Start-ups weltweit Platz eins vor dem Silicon Valley. Gründer sind laut dem Report auf der tropischen Insel mit einem Durchschnittsalter von 28 Jahren weltweit die jüngsten. Inno­vative staatliche Politik, die gute Vernetzung der Gründer untereinander und das unternehmerfreundliche Ökosystem Singapurs seien für den Start-up-Boom am Äquator verantwortlich.

Von der Innovationskraft des Inselstaats will auch Evonik profitieren. Der Konzern hat im April 2018 sein erstes Forschungszentrum in Singapur in Betrieb genommen. Themenschwerpunkt ist Ressourceneffizienz: Bis zu 50 Spitzenforscher und Ingenieure werden hier an innovativen Ideen und bahnbrechenden Produkten arbeiten. Geleitet wird es vom indonesischen Chemieingenieur Ronny Sondjaja. „Wir praktizieren hier ein holistisches Gesamtkonzept der Forschung“, erklärt der 39-Jährige. „Das ist unser erster Versuch, inno­vative Impulse aus Asien heraus zu initiieren.“

Zeitgleich hat Evonik in Singapur ein Projekthaus Tissue Engi­neering gestartet. Rund 20 Wissenschaftler arbeiten hier daran, verlässliche Lösungen für die Regeneration von Gewebe etwa nach Unfällen oder Krankheiten zu ermöglichen. Alle Forschungsaktivitäten sind im Forschungskomplex Biopolis angesiedelt. Hier ist auch die renommierte National University of Singapur vertreten, ein Partner von Evonik bei der Entwicklung von nachwachsenden Knochen und Hautgewebe. Zudem sind dort die weltweit meisten 3D-Drucker im Einsatz. „Singapur bietet ideale Bedingungen für naturwissenschaftliche Talente“, erklärt Peter Meinshausen, der die ­Region Asien-Pazifik Süd verantwortet.

Alt trifft Neu in der Telok Ayer Street im Zentrum Singapurs.

Architektur gewordener Traum

Die fünf futuristischen Hochhäuser von Biopolis, in denen unter anderem an neuartigen Krebstherapien geforscht wird, sind der Architektur gewordene Traum von Singapurs Planern und Politikern und zeigen, wie die Zukunft von Wissenschaft und Forschung in der Stadt am Äquator aussehen soll. Zwischen 2004 und 2014 wuchteten die Stadtoberen die fünf hochmodernen Gebäude auf eine Brach­fläche unweit des Szeneviertels Holland Village. Der erste Turm wurde noch von der Stararchitektin Zaha Hadid entworfen.

Heute winden sich aus diesem glasblauen Kasten metallene Fußgängerbrücken wie Spinnenarme in die Nachbargebäude, wo Forscher in weißem Kittel über die Flure huschen, aber auch Schulklassen schon mal die Zukunft bewundern dürfen. Bewusst leben und arbeiten, Freizeit und Spitzenforschung hier auf jetzt schon mehr als 300.000 Quadratmeter Büroflächen in einer Air-Conditioned ­Future Mall vereinigt. In den Kantinen, die gewollt den exotischen Hawker Centers, Singapurs berühmten Garküchen, nachempfunden sind, treffen zur Mittagszeit weltweit führende Spitzenforscher auf die wissbegierigen Studenten der nahen Universitäten.

»Wir praktizieren ein holistisches Konzept der Forschung.«

RONNY SONDJAJA

Gerade eine U-Bahn-Station entfernt recken sich die fünf Türme von Fusionopolis in den Tropenhimmel. Während Biopolis auf Biochemie, Naturwissenschaften und Medizin spezialisiert ist, sollen die atemberaubend kühn gedrehten Türme von Fusionopolis Computernerds und Digitalexperten in die Stadt locken. Noch mehr als bei Biopolis sind die „Türme der Zukunft“ offen als Begegnungsstätte zwischen Forschern und Bürgern, zwischen Zukunft und Gegenwart konzipiert. Musikschulen und Ballettstudios sind hier neben international bekannten Computerfirmen zu finden. Die Planer wollten die Grenzen zwischen Hochtechnologie und Alltag aufheben. Es ist ihnen ausgesprochen gut gelungen.

In den Tiefgeschossen der Forschungstürme treffen sich Alt und Jung in riesigen unterirdischen Essstraßen. Auf konstante 21 Grad Celsius gekühlt, lässt es sich in den Gängen besser essen und flanieren, treffen und lernen als im Freien. Singapurs Durchschnitts­temperatur liegt bei 28 bis 34 Grad Celsius, an 365 Tagen im Jahr.

Auch die renommierte National University of Singapur ist im Forschungskomplex Biopolis untergebracht.

Rohstoff: Wissen

Schon früh hatte Singapurs visionärer Staatsgründer Lee Kuan Yew (1923 bis 2015) erkannt, dass der einzige Rohstoff des Inselstaats der Fleiß und die Wissbegierde seiner mehrheitlich chinesischen Bürger sind. Bald nach der Staatsgründung im Jahr 1965 etablierte sich die junge Nation als Bankenzentrum und erster Raffineriestandort Südostasiens. Der „Nationale Plan zur Computerisierung“ stammt von 1981. Heute ist die kleine Insel an der Südspitze der Malaiischen Halbinsel weltweite Nummer fünf beim Export von Elektronikgütern. Man kann hier mit einer Verbindungsgeschwindigkeit von bis zu 135 Megabit pro Sekunde im Internet surfen, dem Zehnfachen dessen, was in Deutschland üblich ist.

2014 stellte die Regierung den ambitionierten Plan vor, die Insel weltweit zur ersten „Smart Nation“ zu machen. Durch massive Unter­stützung der Behörden soll die Inselnation zur Start-up-­Kapitale Asiens werden. „Durch die Bündelung von staatlichen Agenturen und gezielter Unterstützung von Start-ups wollen wir sicherstellen, dass wir die bevorzugte Anlaufstelle für junge Gründer in Asien werden“, sagt Koh Poh Koon, Staatsminister für Handel und Industrie. Dafür stellt die Regierung in unterschiedlichen Programmen umgerechnet knapp 20 Milliarden € zur Verfügung. Aktuell zählen die Behörden an mehr als 50.000 Gründer, die sich mit ihren Start-ups in der Stadt niedergelassen haben.

Nicht zuletzt wegen solcher Faktoren wurde Singapur Ende 2017 als erster Standort außerhalb der USA für den „German Accelerator“ ausgewählt. Das vom Bundeswirtschaftsministerium unterstützte Programm unterhält in den US-Städten Boston, San Francisco und New York bereits drei parallel laufende Programme.

Eine Stadt voll Energie: Blick von China Town in den Central Business District

Demnächst: fliegende Taxis

Über 5.000 der Singapurer Start-ups beschäftigen sich mit Hochtechnologie. Pang Kin Keong, Staatssekretär im Transportministerium, hat unlängst angekündigt, dass Regierungsstellen zusammen mit einem russischen Start-up demnächst fliegende Taxis erproben wollen. Und auf dem Gelände der National University of Singapur testet Google Auslieferdrohnen für den Versand von Gütern des täglichen Bedarfs.

Tom Ludescher wechselte in Singapur von der Old in die New Economy.

Bei allen Start-ups übernimmt die Regierung Singapurs pro ­Erfolg versprechendem Konzept 50 bis 70 Prozent der Anschub­kosten. Zwar ist der Betrag auf umgerechnet 126.000 ₣ gedeckelt, kann aber bis zu dreimal pro Projekt beantragt werden. Zudem sind die meisten Start-ups mindestens fünf Jahre von der Steuer befreit. „Es gibt wohl kein anderes Land, wo man als Gründer so viel Geld von der Regierung bekommen kann“, erklärt Tom Ludescher. Der 39-Jährige steht der Schweizer Handelskammer vor und begleitet Gründer als Berater. Außerdem lehrt er als Dozent für Versicherungsthemen an der Singapurer Niederlassung der Universität St. Gallen.

»Nirgendwo sonst bekommen Gründer so viel Geld vom Staat.«

TOM LUDESCHER

Zwischen Singapurer Universitäten und anderen Bildungszentren der Welt gibt es einen regen Austausch. Der Forschungspartner von Evonik, die National University of Singapur, unterhält 183 Partnerschaften mit Universitäten in 44 Ländern. Und auf dem Singapurer Campus for Research Excellence and Technological Enter­prise ­(CREATE) sind international renommierte Hochschulen wie das MIT, die ETH Zürich, die TU München, die Ben-Gurion University und die University of California/Berkeley vertreten.

„Was diese Stadt so besonders macht?“, fragt Ludescher und gibt selbst die Antwort: „Sie erfindet sich immer wieder neu.“

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